Zwischen Kollwitzplatz, Helmholtzplatz und Kastanienallee wirbt inzwischen fast jeder zweite Salon mit Nachhaltigkeit. Das ist keine Berliner Marotte, sondern eine sinnvolle Entwicklung: Friseurbetriebe sind Wasser- und Chemieanwendungsbetriebe, und es gibt in dieser Branche viel zu verbessern.
Nur: Was auf der Fensterscheibe steht, ist selten das, was den Unterschied macht. Die wirksamen Hebel sind unsichtbar für Kundschaft, die nicht weiß, wonach sie schaut. Diese Liste hilft dabei.
Der größte Posten: Wasser und die Energie darin
Ein Friseursalon verbraucht seinen größten Ressourcenanteil am Waschbecken und zwar nicht als kaltes Wasser, sondern als erwärmtes Wasser. Der relevante Aufwand steckt in der Erwärmung, nicht in der Wassermenge allein.
Woran Sie erkennen, dass jemand das ernst nimmt:
Sparbrausen mit Durchflussbegrenzung. Sie reduzieren die Durchflussmenge deutlich, ohne dass der Waschvorgang schlechter wird. Das Wasser wird feiner verteilt.
Wasser wird zwischendurch abgestellt. Beim Einmassieren von Shampoo und Spülung läuft die Brause nicht weiter. Klingt banal, macht über einen Arbeitstag den größten Einzelunterschied.
Waschbecken mit Wasserrückgewinnung. Es gibt Systeme, die einen Teil des abfließenden Wassers auffangen, filtern und im Kreislauf wiederverwenden. Sie sind eine Investition und ein sehr deutliches Signal.
Weniger Waschgänge. Ein Salon, der bei mäßig verschmutztem Haar einmal statt zweimal shampooniert, spart Wasser, Produkt und Zeit, und arbeitet zudem schonender.
Alufolie und die Alternativen
Foliensträhnen erzeugen bei jedem Farbtermin Aluminiumabfall, der mit Farbresten kontaminiert ist. Aluminium ist in der Herstellung energieintensiv, und die kontaminierte Folie landet in der Regel im Restmüll.
Es gibt Alternativen, und ihr Einsatz ist ein guter Indikator:
- Wiederverwendbare Meches aus beschichtetem Kunststoff oder Silikon, die gereinigt und erneut verwendet werden.
- Freihandtechniken wie Balayage, die ohne Folie auskommen. Hier fällt das ökologische Argument mit einem praktischen zusammen: Kein Ansatz, längeres Nachfärbeintervall, weniger Termine.
- Recyclingfähige Folienlösungen und getrennte Sammlung, wo möglich.
Fragen Sie ruhig, was mit den Folien nach dem Termin passiert. Die Antwort ist aufschlussreich.
Farbreste, Abwasser und Dosierung
Der chemisch heikelste Punkt eines Salons ist das, was im Abfluss landet. Reste von Colorationen, Blondiermassen und Entwicklern gehören nicht ins Abwasser, sondern in eine fachgerechte Entsorgung.
Der wirksamste Hebel dagegen ist unspektakulär: richtig dosieren. Ein Salon, der Farbe abwiegt, mischt genau so viel an, wie gebraucht wird. Das reduziert Rest, spart Produkt und ist gleichzeitig fachlich besser, denn das Mischungsverhältnis von Farbe zu Entwickler bestimmt Alkalität und Aufhellleistung. Wer nach Gefühl aus der Tube drückt, arbeitet mit einer unbekannten Variablen und produziert nebenbei Abfall.
Es gibt außerdem Systeme, die Haarabschnitte separat sammeln. Haar ist ein sortenreiner, biologisch abbaubarer Reststoff, für den es Verwertungswege gibt. Ein Salon mit getrennter Haarsammlung hat sich mit dem Thema befasst.
Was Zertifikate abdecken und was nicht
Zertifizierungen für Naturkosmetik regeln in erster Linie Herkunft und Herstellungsverfahren der Rohstoffe: welche Ausgangsstoffe zulässig sind, wie sie gewonnen werden, welche Verfahren ausgeschlossen sind, teilweise auch Vorgaben zu Verpackung und Tierversuchen.
Was sie nicht abdecken: den Wasserverbrauch des Salons, seine Energiequelle, die Abfalltrennung, die Entsorgung von Farbresten oder die Arbeitsbedingungen. Ein Salon kann ausschließlich zertifizierte Produkte verwenden und trotzdem der verschwenderischere Betrieb sein.
Und ein verbreitetes Missverständnis: „Ohne Ammoniak“ ist keine Aussage über Milde oder Umweltverträglichkeit. Ammoniak sorgt für den charakteristischen Geruch. Ammoniakfreie Produkte arbeiten in der Regel mit Ethanolaminen, die denselben Zweck erfüllen, den pH-Wert anzuheben und die Schuppenschicht zu öffnen. Sie riechen weniger stechend und sind schlechter flüchtig; das ist angenehmer im Raum, aber kein Beleg für geringere Belastung. Wer damit wirbt, verkauft Geruchsempfinden als Ökologie.
Der Hebel, den Sie selbst haben
Der ökologisch wirksamste Beitrag einer Kundin oder eines Kunden ist nicht die Produktwahl, sondern die Terminstruktur:
- Techniken wählen, die selten nachgearbeitet werden müssen. Eine Freihandtechnik ohne Ansatzkante spart über ein Jahr mehrere Termine, mit allem, was daran hängt: Fahrt, Wasser, Produkt, Folie.
- Zu Hause weniger waschen und kühler spülen. Der Wasserverbrauch im Privathaushalt übersteigt den Salonanteil pro Person deutlich.
- Produkte aufbrauchen. Der ungünstigste Kauf ist die halbvolle Flasche, die nicht passt und stehen bleibt. Fragen Sie im Salon nach Probiergrößen, bevor Sie eine große Flasche mitnehmen.
- Weniger, dafür passendere Produkte. Drei Produkte, die zu Ihrem Haar passen, schlagen sieben, die im Regal stehen.
Die Fragen, die Sie stellen können
Ohne Belehrung, im Gespräch am Stuhl:
- Wird die Farbe abgewogen?
- Was passiert mit Folien und Farbresten?
- Gibt es wiederverwendbare Meches?
- Läuft das Wasser beim Einmassieren weiter?
- Gibt es Nachfüllgrößen für die Produkte im Verkauf?
Ein Betrieb, der sich damit befasst hat, antwortet in einem Satz. Ein Betrieb, der Nachhaltigkeit als Dekoration führt, wechselt das Thema.
Der soziale Teil, der selten mitgezählt wird
Nachhaltigkeit in einem Dienstleistungsbetrieb ist nicht nur eine Frage von Wasser und Abfall. Ein erheblicher Teil davon ist die Frage, ob der Betrieb selbst tragfähig ist.
Friseurhandwerk ist körperlich anspruchsvoll: stehende Tätigkeit, Arbeit mit erhobenen Armen, dauerhafter Kontakt mit Wasser und Chemikalien. Ein Betrieb, der Pausen einplant, Handschuhe konsequent verwendet, für Absaugung und Lüftung sorgt und ausbildet, arbeitet nachhaltiger als einer, der dieselbe Fläche mit weniger Personal doppelt so lange offen hält.
Sichtbare Zeichen dafür gibt es durchaus: Werden Handschuhe bei jedem Farbauftrag getragen? Gibt es einen abgetrennten Mischbereich mit Lüftung? Sind Termine so getaktet, dass zwischen zwei Kunden Zeit zum Aufräumen bleibt, oder sitzt schon jemand auf dem Stuhl, während noch abgewischt wird?
Das ist keine Nebensache. Ein Salon, in dem Menschen langfristig arbeiten können, hat erfahrene Kräfte und erfahrene Kräfte produzieren weniger Fehlversuche, weniger Korrekturtermine und damit weniger Verbrauch. Der ökologische und der handwerkliche Vorteil fallen hier zusammen.
Häufige Fragen
Ist ein Salon mit Naturkosmetiklinie automatisch nachhaltiger? Nein. Die Produktlinie ist ein Baustein von mehreren. Wasser, Energie, Abfall und Dosierung entscheiden in der Bilanz eines Betriebs in der Regel stärker.
Sind pflanzliche Haarfarben die ökologischere Wahl? Sie funktionieren anders und decken Grau nicht wie oxidative Farben. Ökologisch sind sie nicht pauschal besser: Anbau, Transport und Ausbeute spielen mit. Wer sie nutzt, sollte wissen: Eine spätere Blondierung über pflanzlicher Farbe kann unberechenbar reagieren.
Lohnt sich der Wechsel zu festem Shampoo? Für den Verpackungsanteil ja. Achten Sie auf die Tensidbasis und darauf, dass es sich um ein Syndet und nicht um eine alkalische Seife handelt. Echte Seife bildet bei hartem Wasser Kalkseifen und macht Haar stumpf.



