Berlin ist eine Stadt der Umzüge. Man zieht von Neukölln nach Wedding, weil die Wohnung günstiger ist, der Salon des Vertrauens bleibt zwei S-Bahn-Wechsel entfernt zurück, und irgendwann nimmt man einen Termin in der Nähe. Dazu kommt, dass in dieser Stadt viele Coloristinnen selbst wechseln, vom Salon in einen Studioplatz, von einem Kiez in den nächsten, manchmal ganz aus der Stadt.
Für Menschen mit aufwendiger Coloration ist das ein wiederkehrendes Problem: Jeder Wechsel bedeutet, dass jemand Neues auf ein Haar schaut, dessen Geschichte er nicht kennt. Und diese Geschichte steckt im Haar, nicht in Ihrer Erinnerung.
Warum ein neuer Salon mehr braucht als ein Foto
Ein Referenzbild zeigt das Ziel. Es zeigt nicht den Weg dorthin und schon gar nicht den Ausgangspunkt.
Was im Haar steckt und die Reaktion bestimmt:
Künstliche Pigmente aus früheren Colorationen. Sie verhalten sich anders als Naturpigment. Dauerhafte dunkle Farbe lässt sich nicht einfach aufhellen wie Naturhaar; sie neigt zu stärkerem Rotstich.
Unterschiedliche Zonen. Ansatz, Mittellänge und Spitzen haben oft unterschiedliche Behandlungshistorien und reagieren deshalb unterschiedlich schnell. Das ist der Hauptgrund für fleckige Ergebnisse nach einem Salonwechsel.
Aufhellstufe und Porosität. Wie oft und wie stark aufgehellt wurde, bestimmt, wie viel Belastung noch trägt.
Kritische Vorbehandlungen. Henna, metallsalzhaltige Färbemittel, chemische Glättungen, Dauerwellen. Diese Information ist keine Formalität, sondern eine Sicherheitsfrage. Bestimmte Kombinationen können unkontrolliert reagieren.
Die Farbnummer lesen lernen
Haarfarben werden nach einem international weitgehend einheitlichen Schema bezeichnet. Wer es kennt, kann die eigene Formel mitnehmen und verstehen, was darin steht.
Die Zahl vor dem Schrägstrich oder Punkt gibt die Höhe des Tons an, also die Helligkeit. Die Skala läuft üblicherweise von 1 für Schwarz aufsteigend bis 10 oder darüber für sehr helles Blond. Eine 6 ist dunkelblond, eine 8 hellblond.
Die Ziffern dahinter geben die Nuance an, also die Farbrichtung. Die Zuordnung ist herstellerabhängig, folgt aber meist einem verbreiteten Muster: 1 steht für asch beziehungsweise blau, 2 für matt beziehungsweise grün, 3 für gold, 4 für kupfer, 5 für mahagoni, 6 für rot, 7 für braun.
Die erste Ziffer nach dem Trenner ist die Hauptnuance, eine zweite die Beinuance in schwächerer Ausprägung. „8/1“ ist also ein hellblonder Ton mit aschiger Ausrichtung, „7/43“ ein mittelblonder Ton mit kupfriger Haupt- und goldener Beinuance.
Dazu kommt das Entwicklervolumen: die Peroxidkonzentration, meist als Prozent oder Volumen angegeben. Sie bestimmt, wie viele Aufhellstufen erreichbar sind und wie schnell die Reaktion läuft.
Und schließlich das Mischungsverhältnis, etwa 1:1 oder 1:2. Es beeinflusst Alkalität und Aufhellleistung und ist deshalb Teil der Formel, nicht eine Nebensache.
Was Sie sich notieren sollten
Bitten Sie am Ende eines Termins, bei dem das Ergebnis gestimmt hat, um diese Angaben. Seriöse Salons geben sie heraus; sie sind Ihre Behandlungsdaten, kein Betriebsgeheimnis.
- Produktlinie und Nuancen für Ansatz, Längen und Toner, getrennt notiert
- Entwicklervolumen je Schritt
- Mischungsverhältnis
- Einwirkzeiten
- Technik: Freihand, Folie, Ansatz separat, Off-Scalp oder On-Scalp
- Datum
Fotografieren Sie zusätzlich das Ergebnis bei Tageslicht am Fenster, ohne Filter, aus zwei Perspektiven. Salonfotos unter warmem Kunstlicht sind als Referenz weitgehend wertlos, weil die Lichtfarbe den Ton verschiebt.
Und ein Detail, das erfahrene Coloristinnen schätzen: Heben Sie eine Strähne aus dem Nackenbereich auf, die beim letzten Schnitt abgefallen ist. Ein Stück Haar sagt über Porosität und Ton mehr aus als jedes Foto.
Der erste Termin im neuen Salon
Planen Sie ihn defensiv. Ein Salonwechsel bei aufwendiger Coloration ist der denkbar schlechteste Moment für eine grundlegende Veränderung.
- Buchen Sie einen Termin mit Vorgespräch oder eine separate Beratung, wenn angeboten.
- Bringen Sie Formel, Fotos und gegebenenfalls die Strähne mit.
- Rechnen Sie damit, dass eine Teststrähne genommen wird. Das kostet Zeit und ist ein gutes Zeichen.
- Erwarten Sie beim ersten Mal ein konservatives Ergebnis. Ein Salon, der ohne Kenntnis der Vorgeschichte einen großen Sprung macht, geht ein Risiko ein, das nicht seines ist, sondern Ihres.
Umgekehrt gilt: Auch die beste Formel wird selten unverändert übernommen. Marken unterscheiden sich, Wasserhärte unterscheidet sich, und die neue Coloristin beurteilt Ihr Haar selbst. Die Formel ist ein Ausgangspunkt, keine Anweisung.
Wenn beim letzten Mal etwas schiefging
Dann ist genau das die wichtigste Information, und die, die am häufigsten verschwiegen wird, aus Loyalität oder Verlegenheit.
Sagen Sie sachlich, was passiert ist: Welche Zonen wurden fleckig, wo kam ein unerwünschter Ton, wie hat sich das Haar danach angefühlt, ist etwas gebrochen. Ein neuer Salon kann daraus ableiten, wo im Haar die problematischen Zonen sitzen. Ohne diese Information wiederholt sich der Fehler mit hoher Wahrscheinlichkeit.
Hinweis Oxidative Colorationen und Aufhellungen können Haut und Haar reizen oder schädigen. Bei einem neuen Produkt oder einem neuen Salon ist ein Verträglichkeitstest vor dem Termin angezeigt; er wird üblicherweise etwa 48 Stunden vorher angelegt. Bei gereizter Kopfhaut oder bekannten Unverträglichkeiten holen Sie ärztlichen Rat ein. Dieser Text ersetzt keine individuelle fachliche Beratung.
Häufige Fragen
Muss ein Salon mir meine Formel herausgeben? Es ist gute Praxis und in vielen Betrieben selbstverständlich. Wer sich weigert, gibt Ihnen zumindest eine Information über den Umgang mit Kundschaft. Sie können sich die Angaben auch während des Termins selbst notieren.
Funktioniert eine Formel bei einer anderen Marke? Nur als Anhaltspunkt. Höhe und Nuancenrichtung sind übertragbar, die konkrete Rezeptur nicht, Pigmentierung und Verhalten unterscheiden sich zwischen Herstellern deutlich.
Ich weiß nichts über meine Vorgeschichte. Was jetzt? Sagen Sie genau das. Ein Salon kann Porosität, vorhandene künstliche Pigmente und Reaktionsverhalten über eine Teststrähne einschätzen. Unwissenheit ist handhabbar, falsche Angaben sind es nicht.



